Zum Sehen geboren

Wege zu einem vertieften Natur- und Kulturverständnis
Andreas Suchantke
Verlag Freies Geistesleben Okt. 2008      39,00 €

 

Der Mensch ist nicht von seiner Natur her Zerstörer der Erde! Er kann – und hat es in der Geschichte nachweislich getan – Landschaften so gestalten, dass sie reicher an vielfältigem Leben wurden, nicht, wie heute zumeist beobachtbar, artenärmer. Diese Fähigkeit hat allerdings Bedingungen.
Andreas Suchantkes Kernanliegen ist dieser Blick auf die Möglichkeiten des Menschen. Er ist die Frucht eines reichen Forscherlebens, deren Samen heilend und belebend wirken können.

Die Betrachtung der Erde und zahlreicher ausgewählter Landschaften aller Kontinente durchbricht Gewohntes – und das ist auch A. Suchantkes Absicht. Seit Jahrzehnten ist der Autor durch Veröffentlichungen phänomenologischer Beobachtungen und Erkenntnisse bekannt, die er, wie auch in diesem Buch, durch eigene Zeichnungen und Fotographien überzeugend ergänzt.
Der vorliegende über 300 Seiten umfassende Band enthält z.T. schon früher an anderer Stelle veröffentlichte Kapitel, die aber weiterhin aktuell sind und in dieser Zusammenstellung im Sinne des Kernanliegens ein Ganzes bilden, darüber hinaus findet sich aber auch inhaltlich Neues.
Die Einleitung bildet eine ausführliche Reflexion der Methode. Sie ermöglicht die wissenschaftliche Einordnung und soll dem Leser Anregung für einen eigenen Erkenntnisweg sein. Im Zentrum steht die Bedeutung der Schulung menschlicher Sinnestätigkeit. Sie ermöglicht die aktive und immer wieder zu erneuernde Beziehung des Menschen zur Welt. A. Suchantke entwickelt überzeugend, wie notwendig der unbefangene Blick auf Fremdes oder auch auf scheinbar Bekanntes als Quelle neuer Fragen und Erkenntnisse ist. So erweitern sich gewohnte Begriffe durch immer neue Erfahrungen. Dadurch können wir der Lähmung und  inneren Verarmung durch Projektion vorgefasster Begriffe auf wahrgenommene Phänomene entrinnen.
Suchantkes jahrzehntelange weltumspannende Reise- und Lehrtätigkeit, deren Frucht in diesem Buch eindrucksvoll zusammengestellt ist, scheinen ein Beweis für die Impulskraft seiner Betrachtungsweise zu sein. Auf der Suche nach den sich im Sichtbaren der Landschaften offenbarenden Zusammenhänge von Natur und Kultur entstanden auf der Basis genauer Beobachtung und breiter und vertiefter wissenschaftlicher Sachkenntnis  charakterisierende Beschreibungen, die Wesentliches erkennen lassen.
Im Anschluss an die vielfältigen geographischen Kapitel, die die Beziehung des Menschen zur Natur im Raum veranschaulichen, folgen mit Kapiteln über Höhlenmalerei, Evolution des Menschen und über die Metamorphose als Entwicklungsprozess Darstellungen von Phänomenen, die die Beziehung des Menschen zur Natur in der Zeit erhellen. A. Suchantke gelingt hier ein sehr konzentrierter Überblick über die Bewusstseinsgeschichte der Menschheit vom intuitiven „Einssein“ mit der Natur über die Entwicklung des Verstandes, die Trennung, Distanz zur Natur mit sich brachte und als Preis für die Freiheit auch bringen musste, bis hin zu den Zukunftsaufgaben einer neuen, bewussten Zusammenarbeit mit der Natur, dem Einklang von Ökonomie und Ökologie.

Das Buch spricht durch seine vielfältigen Gesichtspunkte, die dargestellten geographischen und kulturgeschichtlichen Zusammenhänge und durch seine anschauliche Sprache einen breiten Leserkreis an. Lehrer und Eltern von Waldorfschülern, auch Oberstufenschüler selbst, können einen begründeten Einblick in die Methode der „anschauenden Urteilskraft“, wie Goethe sie nannte und der Autor sie versteht, gewinnen. Dadurch wächst das Verständnis für den Unterricht, in dem idealerweise, wo immer es möglich ist, „die Erscheinungen sprechen“ statt fertige Theorien übermittelt werden sollten.
                                                                                                                         Hildegard Brauner

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