Steiners Esoterik in verändertem Umfeld
Johannes Kiersch, 104 S. kart. EUR 11.90 Verlag Freies Geistesleben 2008
Es gibt in neuerer Zeit einen „Klimawandel im Bereich der Kulturgeschichte“. Johannes Kiersch begründet diese Feststellung in seinem ersten Kapitel mit einer Übersicht über das aktuelle breite Interesse an esoterischen Praktiken und Inhalten und deren neuer wissenschaftlicher Beschreibung und Erforschung. In diesem Zusammenhang wird auch Anthroposophen und allen auf der Grundlage der Anthroposophie arbeitenden Menschen mehr Gesprächsbereitschaft entgegengebracht, sie sehen sich allerdings auch schärferer Kritik auf höherem Niveau ausgesetzt. Dabei werden die Praxiserfolge anthroposophischer Arbeit gewürdigt, es zeigt sich vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs ideologischer Heilssysteme im 20 Jh. jedoch Unverständnis, dass R.Steiner weiterhin als „Guru“ eine so große Rolle spielt.
In dieser Auseinandersetzung bietet sich das inhaltlich dicht formulierte Büchlein von J.Kiersch als Orientierungsmöglichkeit an. Es ist keine schnelle Kost, es bietet keine bequeme Handlungs-anweisung, es will erarbeitet werden. Dann jedoch lassen sich vielfältige Impulse zu neuen Erkenntnissen und Initiative zu konkretem Tun gewinnen.
Erfrischend und gleichzeitig herausfordernd entwickelt Kiersch einen lebendigen Wahrheitsbegriff als Grundlage lebendiger Esoterik, wie er aus dem biographisch nachweisbaren Erkenntnisringen R.Steiners verstanden werden kann. Er zeigt die Gefahr auf, sich in tradierten Formen an fossilierten Resten ehemals lebendiger Esoterik festzuhalten und die Notwendigkeit, sich ohne diese Stütze auf bewegtes Wasser zu begeben. Ein Überblick über wesentliche Veränderungen in der Erscheinung und Bedeutung esoterischer Erkenntnis im Laufe der Kulturgeschichte erhellt die Stellung der Anthroposophie im größeren Zusammenhang. Darauf aufbauend führt J.Kiersch durch die in Steiners GA zunehmend differenzierte Methodenlehre für esoterisches Üben und weist auf die Besonderheit der Präzision der zugrunde liegenden erkenntnis-psychologischen Argumente hin. Dabei werden auch offene Forschungsfragen nicht verschwiegen.
Das Studium der Philosophie der Freiheit allein greift nach Kiersch bei aller Wertschätzung zu kurz. Sein Anliegen, das sich im Titel des Buches spiegelt, wird aus einem Zitat aus Goethes Weltanschauung (GA 6) deutlich: „Nicht ein starres, totes Begriffssystem ist die Wahrheit, das nur einer einzigen Gestalt fähig ist; sie ist ein lebendiges Meer, in welchem der Geist des Menschen lebt, und das Wellen der verschiedensten Gestalt an seiner Oberfläche zeigen kann.“ Hier kommt die zentrale Stellung persönlicher spiritueller Erfahrung, die Kennzeichen mitteleuropäischer Esoterik ist, deutlich zum Ausdruck. Die Weitergabe esoterischer Weisheit in fertiger Form beschreibt schon Platon als unmöglich.
Am Beispiel des Umgangs mit der Allgemeinen Menschenkunde rückt J.Kiersch den Weg der esoterischen Übung in seiner Bedeutung für das Handeln in der Praxis ins Bewusstsein: Auf dem Fundament gedanklich-rationalen Studiums und anschließenden meditativen Reifenlassens innerer Bilder in Augenblicken innerer Ruhe wächst die Fähigkeit zur Geistesgegenwart im Hier und Jetzt des Unterrichts, zur Möglichkeit des fruchtbaren pädagogischen Momentes. Diese Darstellung zeigt den zentralen Unterschied des Handelns aus Steinerscher Esoterik im Bewusstsein der Bedeutung einer konkreten, einmaligen Situation auf gegenüber der Tendenz, Leitlinien zu finden, die allgemein gelten und Erfolg versprechen.
In zwei früheren, im Anhang abgedruckten Aufsätzen erläutert J.Kiersch, welche konstruktive Antwort trotz der Individualisierung und Verlebendigung des Wahrheitsbegriffs auf die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie gegeben werden kann. Erkenntniswege können plausibel beschrieben und Ergebnisse evaluiert werden.
Er selbst wahrt die Wissenschaftlichkeit, indem er seine Gedankengänge durch zahlreiche Literaturhinweise und Quellenangaben transparent macht und dadurch zu eigener vertiefender Arbeit anregt.
Dem anspruchsvollen, sicher nicht voraussetzungslos verdaulichen Büchlein ist eine breite rege und gründliche Bearbeitung mit Praxisfolgen zu wünschen, damit der notwendige „Wandel über das Wasser“ gelingt und vielfältig positiv wirksam wird.
Hildegard Brauner