Michael Birnthaler Verlag Freies Geistesleben Stuttgart 2008 24,90 €
„Erlebnispädagogik: Mode, Methode oder mehr?“ Wer sich über die seit etwa 20 Jahren populär gewordene Erlebnispädagogik unter dem Blickwinkel der Waldorfpädagogik ein Urteil bilden möchte, findet beim Waldorflehrer und Dozenten Michael Birnthaler Kriterien aus Psychologie, aus der Menschenkunde Rudolf Steiners und aus der Praxis des von ihm geleiteten EOS-Erlebnispädagogik-Institutes. Grundlage seiner Arbeit ist die Überzeugung, dass Selbsttätigkeit begleitet von inneren Erlebnissen unabdingbare Voraussetzung für jeglichen Lernprozess, für Zufriedenheit und Sinnerfüllung des Menschen ist. Aus der Einsicht in den Zusammenhang zwischen Erleben und Erfahrungen, die zu „Bildung“ reifen und Selbsterkenntnis, Willensstärke und Mut zum Handeln fördern, entwickelt er für den Leser das Verständnis dafür, dass Intellektualisierung, Ausrichtung nach einseitigen Leistungsnormen, materieller Konsumzwang und Überfülle von Reizen und Informationen die Gefahr der Verkümmerung von Seelenfähigkeiten bergen. Die „Erlebnispädagogik“ versucht, dieser Austrocknung der Seelen durch vielfältige Angebote zu intensivem Erleben zu begegnen. M.Birnthaler ist es ein besonderes Anliegen, die Bedingungen für die positiven Effekte der Erlebnispädagogik zu untersuchen, zu begründen und praktisch zu erproben. Den Auftakt des Buches bildet eine Darstellung der Entwicklung der Erlebnispädagogik seit Beginn des 20.Jh. am Beispiel Kurt Hahns. Auch die Wandervogelbewegung wird gewürdigt. Auf dieser Grundlage zeigt M.Birnthaler die Parallelen zur zeitgleich entstandenen Waldorfpädagogik auf. Andere reformpädagogische Ansätze sind nicht sein Thema. Schulung der Sinnesfähigkeit, Sensibilisierung der Wahrnehmung, Gefühls- und Gemütserziehung mit Ernst und Humor als pädagogischen Stilmitteln gehören zum didaktischen Prinzip der Waldorfpädagogik, sind aber ebenso Schwerpunkte der Erlebnispädagogik. Hier sieht der Autor noch mehr Synergieeffekte, als sie bisher genutzt werden. Mit diesem Ziel untersucht er Schätze und Gefahren moderner erlebnispädagogischer Angebote mit Hilfe nachvollziehbarer Kriterien. Eine wichtige Voraussetzung für die Urteilsbildung sind die psychologischen, meist unbewusst bleibenden Gründe der Erlebnissuche. Dabei spielen für M.Birnthaler die menschlichen Grundsehnsüchte nach Moralität, Schönheit und Wahrheit eine entscheidende Rolle. Ihr Ursprung, ihre Bedeutung und Verwandlung in verschiedenen Lebensaltern bilden einen Kristallisationspunkt weiterer Betrachtungen. Der neue Begriff „Erlebenspädagogik“, soll die Intention erlebnisorientierter Projekte, die didaktisch reflektiert entwicklungsfördernd wirken, abgrenzen von der oft durch Sucht nach Erlebnissen geprägten „Erlebnispädagogik“. Trotz systematischer und durch zahlreiche Literaturquellen untermauerter theoretischer Reflexionen weist sich der Autor als Praktiker aus. Er stellt mit Hilfe vielfältiger Beispiele dar, wie die berechtigten Grundbedürfnisse nach Naturerleben, Gemeinschaft und Abenteuer, bzw. Bewährung in verschiedenen Altersstufen in Ferienlagern, in Praktika, auf Klassenfahrten, durch Gestaltung des Schulgeländes aber auch durch bewusst gewählte Unterrichtsmethoden im Klassenraum angesprochen und befriedigt werden können. Er zeigt auf, was wir von Harry Potter lernen und warum und wie die alten und neuen Mythen pädagogisch und therapeutisch wirksam werden können. Das Buch bietet für Pädagogen, Eltern und entwicklungsfreudige Erwachsene waldorfpädagogisch begründete praktische Anregung und Hilfe zur Auswahl, eigenen Gestaltung und Reflexion erfolgversprechender Unternehmungen und Projekte. Es könnte ein Beitrag zur dringend notwendigen Besinnung auf Lernmethoden sein, die das wache, motivierte, selbsttätige Lernen fördern.
Hildegard Brauner
|