Buchbesprechung

Harry Potter - ein moderner Held

Lorenzo Ravagli: Die geheime Botschaft der Joanne K. Rowling.

Ein Schlüssel zu Harry Potter. 240 S., geb. EUR 16,50. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2007

 

Seit dem Erscheinen des ersten Bandes ist Harry Potter ein Phänomen, das sehr kontro­vers diskutiert wird - auch in der Waldorfbe­wegung. Einige wollen die Bücher Joanne K. Rowlings aufgrund ihrer vermeintlichen Ver­herrlichung schwarzmagischer Praktiken am liebsten auf den Index jugendgefährdender Schriften setzen. Andere sehen darin ein her­ausragendes Jugendbuch, das wie kaum ein anderes geeignet ist, jungen Lesern wichtige positive Werte zu vermitteln. Für Lorenzo Ravagli ist Harry Potter nichts weniger als ein moderner Einweihungsroman. Rechtzeitig vor dem Erscheinen des abschlie­ßenden siebten Bandes des Zyklus' legt er dies in seinem jüngst erschienenen Buch »Die ge­heime Botschaft der Joanne K. Rowling - Ein Schlüssel zu Harry Potter« dar. Ravagli beschreibt den Harry-Potter-Zyklus als eine Geschichte der Initiation eines An­gehörigen des angelsächsischen Okkultismus. Besonderes Gewicht legt er in seinen Ausführungen darauf, dass der Zyklus gleichzeitig eine Geschichte der Inkarnation des Bösen und des Kampfes gegen dieses Böse ist. Pot­ter ist so gesehen ein Erretter vor dem Bösen. In der Darstellung des Helden folgt die Auto­rin einem bekannten Muster: Auf den ersten Blick ist er ein eher durchschnittlich begabter Jugendlicher, der weder körperlich noch geis­tig aus der Masse herausragt - im Gegenteil: »Der Junge wächst in einer Atmosphäre per­manenter Vernachlässigung auf und wird für Dinge bestraft, für die er nicht verantwortlich ist. Alle Bedingungen wären also gegeben, um aus ihm einen lebensüberdrüssigen Jun­kie zu machen oder ihn in den Selbstmord zu treiben.«

Aber - und auch hier folgt Rowling dem Auf­bau sowohl klassischer als auch neuzeitlicher Mythologien - sein Leben steht von Anfang an unter mythischen Vorzeichen. Darin gleicht er Gestalten wie Luke Skywalker aus Star Wars oder Frodo Beutlin aus Tolkiens Der Herr der Ringe.

»In ihm fließen wie in einem Brennspiegel die Strahlen zusammen, die von den Heroen ausgehen, die ihm vorangegangen sind. Harry besitzt eine mythische Patchwork-Identität, er ist kein Held aus einem Guss, wie die Hero­en der Antike. Kaleidoskopisch schillert sein Wesen, in ihm klingen Reminiszenzen an eine Vielzahl mythischer Gestalten nach.« Sehr detailliert und mit einer beeindruckenden Vielzahl interessanter Hintergründe beschreibt Ravagli die Helden, mit denen Potter ver­wandt ist: Ödipus, Kain, Herakles, Orpheus, Gilgamesch, Perseus, Sir Galahad, Jesus von Nazareth und Parzival sind nur einige Gestal­ten, denen er gleicht. »Aber von allen unter­scheidet er sich auch wieder. Sein Schicksal ist keine bloße Zitatensammlung, sondern eine freie Abwandlung von Urbildern, die er in völlig neuer Form durchlebt.« Was diesen Heros des 21. Jahrhunderts ab­hebt von seinen Vorgängern, ist seine moder­ne, neuzeitliche und nur allzu zeitgenössische Aufgabe, der er sich im Kampf gegen das personifizierte Böse stellt, und so sieht Ravagli in ihm einen »Heros der Bewusstseins-Seele«. Er durchlebe, so Ravagli, seinen individu­ellen Einweihungsweg, der ihn zum Nachfol­ger seines Lehrers Albus Dumbledore macht. All dies geschieht in einem Umfeld, mit dem sich die heutigen jungen Leser identifizieren können, da der Kampf gegen das Böse nicht in einem fernen, mythischen Reich stattfindet, sondern in einem Umkreis, dem ein in vie­len Punkten alltäglicher Schulalltag zugrunde liegt. Dies ermöglicht es Joanne K. Rowling, ihren jungen Lesern wesentliche Werte wie Freundschaft und Liebe anschaulich zu ver­mitteln.

»Im Unterschied zu manchen Bedenkenträ­gern, die in Rowlings Epos eine Gefahr für die Kinderseelen erblicken, die aus Angst vor dem Geist vor dem Okkultismus warnen, den es angeblich salonfähig mache, sehen wir in diesen Erzählungen Dokumente eines kultu­rellen Wandels, der einen globalen Charakter hat [...] Es ist der Aufbruch aus der grauen Welt der Rationalität, in die das Böse selbst sich in der Neuzeit verkleidet hat, in eine Welt leuchtender Farben, klingender Empfin­dungen, vor denen der Popanz der seelentö­tenden Nüchternheit wie ein Gestaltwandler zerplatzt. Mit bewundernswerter Souveräni­tät hält Rowling dieser grauen, seelenlosen Welt des Verstandes, der behauptet, die ganze Wirklichkeit abzubilden, ihren Spiegel vor und gibt ihn mit einem Schlenker ihrer Dich­terhand der Lächerlichkeit preis.« Aber Ravagli wagt sich noch einen Schritt weiter. Zunächst durchläuft er in packenden Nacherzählungen die bisher erschienenen sechs Bände. Dieser Abschnitt ist weit mehr als nur eine hilfreiche Zusammenfassung für die Leser, die mit den Büchern nicht vertraut sind: Auch für den engagierten Potter-Leser gibt es in Ravaglis Analyse Schätze zu ent­decken. Und letztlich wirft er einen Blick auf den bevorstehenden Abschluss des siebentei­ligen Romans: »Aber noch ist ja dieses Epos nicht abgeschlossen. Und doch können wir mit Zuversicht dem letzten Band entgegense­hen. [...] Um das Böse zu besiegen, wird Har­ry Opfer bringen müssen. Das Ich, das sich im Entschluss zum Opfer seiner einmaligen leiblichen Existenz verdichtet, wird zu einem Quell der Wärme, die den erkaltenden sozi­alen Kosmos erfüllt und der Kälte des Hasses die Kraft der Liebe, die alle Wunden heilt, entgegenbringt. Allein diese Liebe vermag auch jene alte Wunde zu heilen, die das Böse schlug, jene Wunde, deren Spur Harry auf der Stirn trägt: seine Narbe.« Ganz gleich, ob man nun zur Fan-Gemeinde gehört oder eher dazu neigt, mit dem gesam­ten Medienrummel auch das Werk selbst zu verdammen: Für die weitere Diskussion hin­sichtlich der Qualität dieses nach der Bibel meistgelesenen Buches der Welt wird man um Lorenzo Ravaglis »Schlüssel zu Harry Pot­ter« nicht herumkommen.

 

Michael Stehle

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