Fußnoten zu Kopfnoten

Die Antwort auf Pisa ist gefunden! Liebe Arbeitgeber, Sie können aufatmen! Endlich gibt es Kopfnoten! Sie brauchen sich nicht mehr auf die fragwürdige Benotung von Leistungen in Mathe und Geschichte zu verlassen, die ja sowieso bei jedem Lehrer anders ausfällt. Objektiv sind die Leistungsnoten nicht, was wir auch schon vor Pisa wussten. Es sind Bauchnoten und in ihnen sind auch noch Kopfnoten verborgen. Schluss damit – Makulatur!
Jetzt haben wir endlich Kopfnoten. Jetzt erfahren Sie direkt, was Sie vom künftigen Arbeitnehmer zu halten haben- und zwar von seiner Persönlichkeit, und darauf kommt es ja an! Sie können ab sofort jedem Bewerber durch das Zeugnis direkt in die Sekundärtugenden sehen.
Sie wissen dann, wie leistungsbereit, zuverlässig und sorgfältig, selbstständig, verantwortungsbereit und kooperationsfähig er ist und welches Konfliktverhalten er in der Schule gezeigt hat. Dass sich das im Zeitraum bis zur Bewerbung geändert haben könnte? Davon ist nicht auszugehen!
Und liebe Schülerinnen und Schüler: Bitte nicht den Kopf verlieren. Die Kopfnoten sind ein Gewinn an sozialer Gerechtigkeit. Gewinner der Reform sind die schwächeren Schüler. Wer keine tolle Mathenote hat, der kann immerhin zeigen: „Ich war fleißig, ich hab mich angestrengt.
Ich war höflich. Ich habe mich für das Schwänzen schlechten Unterrichtes entschuldigt.“
Und es wird noch gerechter: Wenn einer nämlich schlechte Kopfnoten hat, der Rest aber gut ist? Auch das ist gut. Denn der Personalchef weiß: Was für den Lehrer ein frecher Junge ist, kann für den Arbeitgeber jemand sein, der alles hinterfragt. Dahinter kann also ein ganz interessanter Mensch stecken, ein Charakterkopf.
Das zeigt auch: Bei den Kopfnoten ist es ganz anders als bei den Leistungsnoten. Es ist keineswegs so, dass in jedem Fall „sehr gut“ die beste Note ist. Sie können jetzt durch Ihr Verhalten in der Schule direkt steuern, für welchen Beruf Sie die Chancen erhöhen wollen. Sie haben 12 Schuljahre Zeit, das zweimal im Jahr zu üben. Also, wenn Sie ins Management von, sagen wir NOKIA wollen, ist eine 6 im Sozialverhalten, besonders im Bereich Verantwortungsfähigkeit eine gute Note, streben Sie eine Laufbahn in der Politik an, so brauchen sie möglichst eine 5- im Bereich Zuverlässigkeit und Konfliktverhalten und eine 2+ im Bereich Anpassungsfähigkeit. Wollen Sie in die Fertigung eines großen Industrieunternehmens, so wäre eine 5 im Bereich Selbstständigkeit von Vorteil.
Ach ich vergaß, es wurden ja nur 4 Notenstufen eingeführt: Sehr gut (= entspricht den Anforderungen in besonderem Maße), gut (= entspricht den Anforderungen in vollem Maße), befriedigend (= entspricht den Anforderungen im Allgemeinen) und unbefriedigend (= entspricht den Anforderungen noch nicht). Es gibt also gar kein mangelhaft und kein ungenügend.
Die schlechteste Stufe bedeutet: Sie entsprechen den Anforderungen noch nicht! Das lässt doch hoffen. Aber sollten Sie, liebe Schülerinnen und Schüler nicht in Ihre Proteste doch die Forderung aufnehmen auch diese Notenstufen einzuführen?
Und Sie liebe Lehrerinnen und Lehrer brauchen sich endlich nicht mehr den Vorwurf des "heimlichen Mobbing“ von den Eltern machen zu lassen. Sie können jetzt Kopfnoten geben.
Was ich echt schade finde? Dass es nicht Kopfnoten von jedem Lehrer gibt und dass zu den Kopfnoten keine Fußnoten vorgeschrieben sind. Und was ich mich frage: Wann wird der Pisa Test für Kopfnoten global durchgeführt? Bis dahin Kopf hoch!
Gerd Kellermann, 19.1.08

Gerd Kellermann *5.3.1948, 21 Jahre Waldorflehrer in Witten/Ruhr, seit10 Jahren Dozent in der Waldorf-Lehrerausbildung in: Witten/Annen Institut für Waldorf-Lehrerausbildung

 

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