Warum hat eine Waldorfschule keinen Direktor?
Pädagogik wird in der Waldorfschule, der Soziallehre Rudolf Steiners folgend, als Angelegenheit des freien Geisteslebens betrachtet. Sie kann auf die Dauer nur dann fruchtbar wirken, wenn sie aus Eigenverantwortung zustande kommt. Rudolf Steiner nannte deshalb das Lehrerkollegium der Waldorfschule eine Versammlung von "Souveränen", die ihre Arbeit "republikanisch", also nach dem Vorbild der altrömischen Gesetzgebungs‑ und Ämterordnung, ohne Fremdbestimmung von außen durch eine Behördenhierarchie oder weisungsberechtigte Expertengremien, miteinander regeln. Als Grundsatz gilt, daß jeder Lehrer nur soviel unterrichten soll, wie er zugleich auch selbst verwalten kann. Das kostet Zeit, aber es zahlt sich aus. So liegen in der Waldorfschule alle spezifisch pädagogischen Grundsatzentscheidungen in der Kompetenz des gesamten Lehrerkollegiums, das in engstem Kontakt mit den Eltern und innerhalb der Grenzen der staatlichen Schulaufsicht, aber doch eigenverantwortlich beschließt. Für die weitreichenden Entscheidungen wird auf Zeit der Vorstand gewählt. Seine Kompetenzen werden mit denen des Geschäftsführers abgestimmt. Die laufenden Geschäfte werden in Ausschüssen, die wöchentlich tagen, behandelt.
Dürfen die Eltern mitreden, und welche Rechte haben sie?
Über die Formen der Elternmitwirkung besteht an den Waldorfschulen bisher kein Konsens. Unbestritten ist die Notwendigkeit der pädagogischen Autonomie des Lehrerkollegiums, aus der meist auch das Recht des Kollegiums auf Autonomie in Personalangelegenheiten hergeleitet wird. Und gewiß wird eine am Erfolg ihrer Schule interessierte Elternschaft den Lehrern keinen Mitarbeiter aufdrängen wollen, mit dem sie sich nicht verstehen. Die Erfahrungen mancher amerikanischer Privatschulen mit dem diktatorischen Gehabe ihrer "Boards of trustees" sind da lehrreich. Aber gilt das auch zum Beispiel für die Ablösung unfähiger Mitarbeiter? Die Frage ist umstritten. In Finanzangelegenheiten einigt man sich leichter. Hilfreich ist es, eine gültige Rechtsform für die Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern festzulegen, noch bevor Konflikte eintreten, zweckmäßigerweise in einem Schulvertrag, der den neu in die Schulgemeinschaft eintretenden Eltern und Lehrern ein Bild von dem jeweiligen Stand der wechselseitig bindenden Vereinbarungen gibt und der dabei auch klarstellt, was gelten soll, wenn man eines Tages wieder Abschied voneinander nimmt. Manches läßt sich dabei von älteren Konzeptionen der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern auf genossenschaftlicher Grundlage lernen.
Muss man in der Waldorfschule Schulgeld zahlen?
„Die Finanzierung der Waldorfschulen regelt sich in NRW nach dem Ersatzschulfinanzierungsgesetz (§6 EFG). Danach werden 87% der laufenden anerkannten Betriebskosten (Personal- und Sachkosten) vom Land erstattet, die restlichen 13% sind als Eigenleistung von den Eltern aufzubringen. Da nicht alle an Waldorfschulen anfallenden Aufwendungen zuschussfähig sind, müssen ca. 25% des Gesamtetats der Rudolf Steiner Schule Düsseldorf durch „Beiträge zur Eigenleistung“ aufgebracht werden. Hinzu kommen die Aufwendungen für Reparaturen/Wartung/Pflege der Gebäude, denn das Land gewährt die Zuschüsse nur, wenn die Schule die Gebäudekosten selbst trägt. Die Höhe des Beitrags bemisst sich nach dem Familieneinkommen und wird im Rahmen eines Wirtschaftsgespräches individuell vereinbart. Der Mindestbeitrag für ein Kind beträgt 96,-- € monatlich.“
Was veranlasst den Staat, sein Geld für Privatschulen auszugeben?
Der Staat gibt nicht sein Geld aus, sondern das Geld seiner Bürger. Waldorfschulen sind keine Privatschulen, sondern als Schulen in freier Trägerschaft öffentliche Schulen. Sie sind zugänglich für alle Kinder. Die Eltern ihrer Schüler zahlen Steuern wie alle anderen Eltern auch. In Deutschland besteht daher mit gutem Grund, inzwischen auch durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts bestätigt, ein Rechtsanspruch auf staatliche Förderung freier Schulen. Für eine fernere Zukunft ist natürlich auch denkbar, dass der Staat die Sorge für das Schulwesen ganz in die Hände seiner Bürger zurückgibt. Daran denken heute durchaus nicht nur Waldorflehrer und Anthroposophen. Als Zwischenlösung käme die Ausgabe eines Bildungsgutscheins (Voucher) in Betracht, den die Eltern bei einer Schule ihrer Wahl einlösen könnten.
Literatur:
Zum Bildungsgutschein:
Johann P. Vogel: Der Bildungsgutschein. Eine Alternative der Bildungsfinanzierung. In: Neue Sammlung 1972, S.514 ff.
Ulrich van Lith: Markt, persönliche Freiheit und die Ordnung des Bildungswesens. Tübingen 1983
Über ein staatsfreies Schulwesen der Zukunft:
Friedrich Salzmann: Bürger für die Gesetze. Darstellung des erziehenden Staates. Bern 1949
Joseph Huber: Die Regenbogengesellschaft. Ökologie und Sozialpolitik. Frankfurt 1985
Thomas Schmidt (Hg.): Entstaatlichung. Neue Perspektiven auf das Gemeinwesen. Berlin 1988
Sind Waldorfschulen teurer als staatliche Schulen?
Nein, billiger!
Effizienz, Leistungsfähigkeit und vor allem die Qualität des deutschen Bildungssystems sind nicht erst seit PISA in der Diskussion. Eng damit verknüpft sind die Fragen, was die Schulausbildung kostet und was sie der Gesellschaft wert ist. Um eine gerechte Finanzierung der Schulen in freier Trägerschaft zu gewährleisten, müssen die Kosten transparent sein. Auf seiner Jahrespressekonferenz in Düsseldorf hat der Bund der Freien Waldorfschulen den Bericht zur wirtschaftlichen Lage der Freien Waldorf- und Rudolf Steiner-Schulen für 2003 vorgelegt. Er sieht sich in seiner Forderung nach einer angemessenen Bezuschussung der Waldorfschulen durch die öffentliche Hand sowie nach mehr Kostentransparenz bestätigt. Belegt wird das durch die groß angelegte Studie des Heidenheimer Steinbeis-Transferzentrums Wirtschafts- und Sozialmanagement über die tatsächlichen Kosten für die Erziehung an staatlichen Schulen. Das Schülerkostengutachten, das nach Hessen, Baden-Württemberg und Sachsen jetzt auch für Nordrhein-Westfalen vorliegt, kommt zu dem Ergebnis, dass diese teils weit über den Angaben liegen, die vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht werden.
Der gesamte Text der Presseerklärung
Weitere bildungsökonomische Daten, Sachverhalte, Statistiken aus der deutschen Waldorfschulbewegung.
Wie bewältigt eine Waldorfschule ihre Konflikte?
Es kommt auch an Waldorfschulen vor, dass Eltern oder Schüler sich scheuen, in menschlich schwierigen Angelegenheiten offen zu reden, etwa gegenüber dem Klassenlehrer, der in der Regel der selbstverständliche Ansprechpartner ist. In unsere Schule haben wir deshalb neben dem Vorstand des Schulträgervereins, der als gemeinsam von Eltern und Lehrern besetztes Gremium bei entsprechender Offenheit und menschlichem Geschick manches Problem durch Gespräche einvernehmlich lösen kann, einen von der Elternschaft und dem Kollegium gewählten kleineren Vermittlungsausschuss oder Vertrauenskreis eingerichtet, der durch seine Intimität das Sich‑Aussprechen erleichtert und genügend Autorität besitzt, im Notfall auch gegenüber der Lehrerkonferenz oder dem Schulvereinsvorstand energisch aufzutreten. Meist hat schon die bloße Existenz eines solchen Kreises eine entspannende Wirkung auf Konflikte. Viel hängt auch davon ab, ob die Schule das "republikanische" Delegationsprinzip bei der Ämterbesetzung ernst nimmt, die "funktionale Autorität" des Amtes (Leber 1978), oder ob sie zulässt, dass hinter einer republikanischen Fassade heimliche Diktaturen oder oligarchische Aristokratien entstehen, mit oder ohne Ämterhäufung. Der niederländische Soziologe Dieter Brüll hat in seinem Buch "Der anthroposophische Sozialimpuls" im Kapitel über die "Pathologie des anthroposophischen Sozialimpulses" ebenso kritisch wie mit Verständnis und Humor durchleuchtet, welche Verwicklungen es dabei geben kann. Ähnlich anregend ist das schon genannte Elternbuch von Hildegard und Jochen Bußmann. Rudolf Steiners reiche Hinweise auf ein neues Rechtsleben als ein demokratisches Ordnen der gemeinsamen Arbeit bieten eben noch kein Patentrezept. Sie müssen in unserer Arbeitswelt der Weisungsgebundenheiten erst nach und nach erprobt und erübt werden.
Literatur:
Stefan Leber: Die Sozialgestalt der Waldorfschule. Stuttgart 1978
Dieter Brüll: Der anthroposophische Sozialimpuls. Schaffhausen 1984
Friedrich Glasl: Konfliktmanagement. Stuttgart 1990